Vom Verbraucherschutzzu einer Kultur des Misstrauens ist die Diskussion in den letzten Jahren in Deutschland verkommen. Nur noch schlechte Nachrichten über die Produkte der Industrie sind politisch korrekt. Das richtige Bewusstsein ist wichtig; Glaube zählt - wie im Mittelalter - mehr als Wissen. Alle traditionellen Institutionen und Autoritäten stehen heute unter einem prinzipiellen Generalverdacht, werden als Teil eines Establishments beargwöhnt, das den Verbraucher hinters Licht führen und über den Tisch ziehen will. Wenn eine Bundesbehörde wirklich einmal bestätigt, dass ein Produkt völlig unverdächtig ist, wird dieses Urteil sofort als Ausfluss von Kumpanei mit der Industrie in Zweifel gezogen. Nur NGOs, Selbsthilfegruppen, Vereinigungen von Betroffenen oder alle, die das Nicht-zum-Establishment-gehören zum Programm erhoben haben, gelten noch als verlässliche Quellen. Die „wirkliche" Wahrheit erfährt man nur noch von denen, die sich selbst als unvoreingenommen definieren und von jeglichem Insiderwissen unbeleckt sind. Selbsternannte Verbraucherschützer und andere Gutmenschen demoralisieren mittlerweile auch angesehene Wissenschaftler und Behörden, die sich erdreisten, nicht immer neue Warnmeldungen und Horrorszenarien zu veröffentlichen, sondern irgend einer Industrie auch einmal bescheinigen, dass sie alles richtig gemacht hat. Was ja per se nicht sein kann. Wie konnte der Verbraucherschutz derart verkommen? Er funktionierte doch so hervorragend, so lange er nicht als politisches Programm existierte. Er funktionierte, so lange man den Verbraucher nicht als hilfloses, uninformiertes, schützenswertes und ratgeberbedürftiges Objekt ansah. Er funktionierte, so lange nicht der Verbraucherschützer als selbsternannter Retter der Nation oder besser des Konsums - umweltverträglich versteht sich! - auf der Bühne erschien. Seit der Verbraucherschutz zu einem Politikfeld der NGOs erklärt wurde und nicht mehr Sache der „ganz normalen" Verbraucherzentralen ist, seit der mündige Konsument zum passiven Verbraucher mutierte, regieren Misstrauen und Fortschrittsangst. Wer sich mit seinen kruden Forderungen (Vorsorgeprinzip um jeden Preis!) und Verdächtigungen (Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils - und oft auch darüber hinaus!) in den von Wissenschaftlichkeit regierten etablierten Organisationen nicht durchsetzen konnte, gründete seine eigene Organisation. Wesentlicher Zweck ist vermeintlich die Aufklärung. In Wahrheit wird damit übertriebene Vorsorge zu Verbraucherhysterie. Aufklärung sollte eigentlich dazu beitragen, dass Menschen hinterher klüger sind als vorher. Von diesem Prinzip sind wir bei der Verbraucheraufklärung heute weiter entfernt, als wir uns das wünschen können. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Form des Verbraucherschutzes eine vorübergehende Modeerscheinung ist, ein Grippeanfall der Gesellschaft, der von selbst ausheilt. Wer seriös sein möchte, sollte an der traditionellen Form der Sachaufklärung festhalten, auch wenn die Versuchung groß ist, polemisierend und emotional einen groben Keil auf einen groben Klotz zu setzen. Manchmal sind eben althergebrachte Methoden richtig gut! Copyright Michael Bross Juli 2005 |
