Das Verschwinden der Natur
wird allenthalben bedauert. Ökologisch bewegte Zeitgenossen
trauern den guten alten Zeiten nach, als die Menschen noch mit der Natur
verhaftet waren und vorzugsweise Naturstoffe zur Befriedigung der alltäglichen
Bedürfnisse einsetzten. Alle Gebrauchsgüter des Alltags wurden aus dem zusammen
gemischt, was üblicherweise lokal verfügbar war. Die letzten einhundert Jahre
haben hier viel Fortschritt gebracht: Die meisten Rohstoffe, die für industrielle
Fertigung eingesetzt werden, durchlaufen einen vielstufigen
Verfeinerungsprozess. Manchmal verschwand allerdings auch Bewährtes und Gutes,
was heute zu Recht vermisst wird.
Deshalb kann man die Forderungen grüner Politiker ja verstehen, die den Einsatz
nachwachsender Rohstoffe in der Industrie fördern möchten. Dazu gibt es
reichlich Verlautbarungen, und das Umweltbundesamt, das sich gerne selbst als
Think Tank der Umweltbewegung sieht, hat schlaue Veröffentlichungen unter das
Volk gestreut. Der Tenor aller wohlmeinenden Schriften lautet: Setzt mehr
nachwachsende Rohstoffe, vorzugsweise aus heimischer Produktion ein, und der
Umwelt wird es bald besser gehen!
Nun werden - wie wir alle wissen - Industrieprodukte nicht in erster Linie
hergestellt, um die Umwelt zu belasten, sondern um die Bedürfnisse von
Konsumenten zu befriedigen. Und der moderne Konsument wünscht in erster Linie
hohe Qualität zu kleinem Preis, was sich meistens mit industriell behandelten
und erzeugten Materialien am einfachsten und sichersten bewerkstelligen lässt.
Weshalb die naturbelassenen Rohstoffe auch im produzierenden Gewerbe keine
allzu große Rolle mehr spielen.
Wenn aber tatsächlich ein Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen existiert, das
am Markt erfolgreich ist, weil es überlegene Eigenschaften besitzt, die man
künstlich nur schwer nachahmen kann, dann ... tja, dann verschwindet dieses
Produkt, weil es nicht einer europäischen Umwelt-Richtlinie genügt, die doch
die Umwelt schützen soll! Konkret geht es um Schellack, ein reines Naturprodukt,
und ein sehr altes noch dazu. Der Lösemittelgehalt dieses künstlich nicht zu
modifizierenden Lacks ist schlichtweg zu hoch. Da nützt auch der Hinweis nicht
viel, dass das Bindemittel ein tierisches Produkt ist und das Lösemittel
Ethanol aus Biospriterzeugung stammt. Bio darf's ja schon sein, aber bitte
nicht zu viel...
Copyright Michael Bross Mai 2005