Katastrophenvorsorge
Der Risikopapst U. Beck hat in einer seiner Schriften gefordert, dass sich jeder Einzelne und die Gesellschaft mit dem größten vorstellbaren Katastrophenfall auseinandersetzen müssten, wenn man Vorsorge wahrlich ernst nehmen wolle. Das Vorsorgeprinzip verlange förmlich danach, sich auf den maximal denkbaren Unfall, Terroranschlag oder Wahnsinn einzustellen und Vorkehrungen zu treffen, wie damit umzugehen wäre. Es darf zunächst einmal prinzipiell bezweifelt werden, dass ein solcher Mega-Super-GAU überhaupt abschließend definiert werden kann. Jedes irrwitzige Untergangsszenario stachelt nur andere Apokalyptiker zu noch wahnsinnigeren Anstrengungen an, das komplette Desaster noch destruktiver auszumalen und das Undenkbare mit dem völlig Undenkbaren zu übertreffen. Die Forderung, sich auf einen solchen Wahnsinn einzustellen, widerspricht zudem jedem Fünkchen gesunden Menschenverstands und macht – so sie wirklich in aller Konsequenz beherzigt würde – jegliches Zusammenleben zu einer Folter. Ein ständiger mentaler Alarmzustand, der notwendig wäre, um sich auf die Summe maximaler Risiken einzustellen, kann nicht auf Dauer durchgehalten werden. Das ist unmenschlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Sofern ein solcher Alarmismus gesellschaftlich erzwungen wird, resultiert daraus letztlich eine Geistesverfassung kompletten Misstrauens gegenüber jedermann (kann man sich dann eigentlich noch selbst vertrauen?), was jegliche menschliche Interaktion aufs Schwerste beeinträchtigt. Oder dieser mentale Zwangsakt wird in einer Art geistiger stiller Revolte – sowohl von den Individuen als auch von dem von ihnen gebildeten Kollektiv – negiert, was in Verdrängung ausartet. Höchste Wachsamkeit ist nicht auf Dauer zu ertragen, also wird das Thema beiseite geschoben und ignoriert, damit der Einzelne nach wie vor die Kraft aufzubringen vermag, sein Leben zu organisieren. Dies war die Überlebensstrategie des Kalten Krieges, als die West-Europäer trotz vielfachen Overkills mehr oder weniger ruhig im Schatten des Eisernen Vorhangs weiterlebten. Ein normales Leben und halbwegs zivilisierte Umgangsformen wären bei totalem Misstrauen aller gegen alle nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Deshalb wurde der Wahnsinn der möglichen Vernichtung ausgeblendet, und alle taten so, als wäre alles in Ordnung. |
