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Freie Entfaltung des Individuums

Die freie Entfaltung des Individuums bedeutet ja nicht die hemmungslose Ausbreitung des Selbst und die wuchernde Unterdrückung aller anderen. Entfaltung bedeutet auch nicht per se die Ausbeutung und Ausnutzung aller Nachbarn. Freie Entfaltung meint doch eher die Entwicklung der eigenen Kräfte, der eigenen Gedanken und Meinungen.

Wer Dinge wissen will, wer hinterfragt und Autoritäten anzweifelt, wer nicht jede Erklärung als gegeben hinnimmt, der entfaltet sich selbst. Wer sich von Eltern, Lehrern, Predigern jeglicher Couleur in seiner Entwicklung einer eigenen und eigenständigen Lebensauffassung beschränken lässt, verzichtet auf die Entwicklung seiner selbst. Wer dagegen ausgetretene Pfade verlässt, wer quer denkt, wer die Institutionen verstehen will, statt einfach zu glauben, was sie ihn glauben machen möchten, der entfaltet sich selbst.
 
Der Zweck des Menschseins ist die Ausbildung der Kräfte des Menschen – so etwa hat es Wilhelm von Humboldt formuliert. Das hat mit der Perfektionierung des eigenen Geistes und auch des eigenen Körpers zu tun (man denke an das antike „in corpus sana, mens sana“), nicht jedoch unbedingt und immer mit Gewinnstreben und hemmungslosem Wettbewerb. Wer viel Sport treibt und seine Muskeln stählt oder wer viel fragt und seinen Verstand schärft – in jedem Falle wird die Persönlichkeit entfaltet, werden „bessere“ Menschen entstehen. Wem schaden diese Übungen an Geist und Körper, dass so oft gegen die individuelle Freiheit gewettert, gegen die persönliche Entfaltung polemisiert wird?
 
Jegliche persönliche Entfaltung ist doch zunächst einmal völlig selbstgenügsam. Wer sich selbst entfaltet, breitet sich in seinem eigenen, nur ihm zugeeigneten Universum aus, er beansprucht einen Ort, der ohne ihn nicht existieren würde oder öd und leer wäre. Wer sich selbst entfaltet, nimmt niemandem etwas weg. Erfolg der Selbstentfaltung bedeutet ja nicht Misserfolg anderer, sondern Triumph über die Trägheit des eignen Körpers oder Verstands.