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Parallelgesellschaften

Parallelgesellschaften resultieren aus Realitätsverweigerung!

Es gibt Menschen, die in Wanne-Eickel auf die Welt kamen (so um 1960) und sich als Schlesier fühlen, weil ihre Eltern 1945 von dort fliehen mussten oder vertrieben wurden. Die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft hat – widerwillig zwar – den Vertriebenen die Türen geöffnet und mehrere Millionen Landlose aufgenommen. Was die nicht unbedingt goutieren. Das revanchistisch anmutende Getue um die verlorene Heimat, das alljährlich zu Pfingsten ausbricht und vom Fernsehen als martialische Show alter Männer in Szene gesetzt wird, goutiert die Mehrheitsgesellschaft zwar auch nicht. Aber wir haben uns dran gewöhnt, es hinzunehmen.

Der Bund der Vertriebenen ist ein Anachronismus. Eigentlich müsste er korrekterweise „Bund der Kinder und Enkel von Vertriebenen“ heißen. Die Generation derer, die noch in Schlesien oder Ostpreußen aufwuchsen, dürfte in der Minderheit sein. Von denen, die Königsberg oder Eger als ihre Heimatstadt (mit allen Konnotationen, die Heimat hat) bezeichnen dürfen, weil sie dort gelebt und womöglich auch geliebt haben, sind nicht mehr viele übrig. Wenn sich deren Kinder und Enkel noch als Schlesier oder Ostpreußen verstehen, sind sie wohl eher nicht im Deutschland des 21. Jahrhunderts angekommen. Sie verleugnen also die Realität, sind starrsinnige Integrationsverweigerer und haben sich in einer Parallelgesellschaft eingemauert.

Warum sind wir also Menschen böse, die 1990 in Castrop-Rauxel geboren wurden, deren Eltern 1966 aus Anatolien in die BRD verfrachtet wurden, die wir auch nicht haben wollten, aber brauchten, um das Wirtschaftswunder am Laufen zu halten – wenn sie sich jetzt als Türken fühlen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese zugewanderten Gastarbeiter eines Tages wieder in ihre Dörfer zurückkehren, ist ähnlich groß wie die Rückkehr der Schlesier nach Schlesien. Sie sind alle hier und werden nicht mehr weggehen (können). Damit sollten sich alle endlich abfinden und anfangen, im Hier und Jetzt zusammen zu leben!

Das bedeutet auch, dass sich die Deutschen der Tatsache bewusst werden sollten, dass sie in keinem Nicht-Einwanderungsland leben.

Eigentlich wollen wir keine Fremden. Sie sind uns unheimlich und sollen wieder weggehen. Wir haben in den 1960er Jahren Gastarbeiter geholt – und der Begriff war absolut und entlarvend ehrlich: Arbeiter = die sollten schuften, am besten da, wo kein Deutscher mehr malochen wollte; Gast = das ist ein temporärer Status von eines Gastgebers Gnaden. Und sobald man den Hausherren zu nerven beginnt, reist man besser wieder ab. An Daueruntermieter hat 1960 keiner gedacht.

Deshalb ist Deutschland ein Einwanderungsland ohne Einwanderungskultur. Jahrzehntelang waren wir keine Gesellschaft der offenen Arme und der Chancenvielfalt. Der Ruf „Macht was aus eurem Leben!“ ist unsere Sache nicht. Das unterscheidet uns von den USA oder anderen klassischen Einwanderungsländern, wo jeder seines Glückes Schmied sein kann und muss.

Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen / Euch
Michael Bross aus Sindlingen