Hier irrte Fontane„Ob rasch oder langsam – wir schreiten fort …“ schrieb Theodor Fontane in einem Brief an Freunde. „… und wie wir die Hexenprozesse und ihre Scheiterhaufen, den Gewissenszwang und die Gedankenknechtung für alle Zeit überwunden haben, so wird auch beschränkter Untertanenverstand und die Polizeiweisheit sanftselig verscheiden, …“ da war sich der Dichter im Herbst 1849 sicher. Wenn überhaupt, so schreitet der Fortschritt, den Fontane vorhersagte, nur sehr, sehr langsam voran. Scheiterhaufen mögen (zumindest hierzulande) verschwunden sein, Hexenprozesse gibt es immer noch, auch wenn nicht Zauberei als Vergehen angeklagt wird. Gewissenszwang und Gedankenknechtschaft haben wir noch lange nicht überwunden. In ihrer milden Form kommen sie als political correctness in buntschillernden Facetten daher. Blutrot werden sie von totalitären Regimes überall auf der Welt durchgesetzt. Und das Schlimmste daran: Vielfach fußt die Herrschaft der Potentaten und Diktatoren mehr auf der Untertänigkeit der Bürger als auf der Stärke der Machthaber. In jenen Ländern, wo neben der Bedrohung durch Geheimpolizeien die schiere Angst vor dem Verhungern den Alltag der Menschen terrorisiert, muss man für das Wegducken unter den Knüppeln der Staatsmacht Verständnis haben. Im Westen allerdings feiert Fontanes überwunden geglaubter „beschränkter Untertanenverstand“ im resignierten „Man kann ja eh nichts ändern …“ oder dem gönnerhaft-ignoranten „Die da oben werden schon wissen …“ als politisch Untoter fröhliche Urständ. Die heutigen Zustände sind in Europa natürlich geradezu paradiesisch, wenn man sie mit anderen Weltgegenden oder dem Zeitalter vor 1849 vergleicht. Wir verdanken das aber weniger unserer steten Bemühung zur Überwindung von „Gewissenszwang und Gedankenknechtung“ als vielmehr der Klugheit vergangener Generationen, die in Verfassungen und Gesetzen der Herrschaft Grenzen setzten, wenn sie schon die Untertänigkeit nicht abzuschaffen vermochten. „Der Gedanke der Freiheit, einmal in die Welt geschleudert, ist nicht mehr auszurotten,“ schrieb Fontane in jenem denkwürdigen Brief. Das stimmt. Aber leider kann man jeden Gedanken vergessen, wenn man ihn nicht stetig aufs Neue denkt. |
